
5
»Nun sieh mal, was die Katze da angeschleppt hat.«
Ich betrat das Esszimmer, entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen, obwohl wahrscheinlich jeder im Haus Gabriel und mich in der letzten Nacht gehört hatte. »Guten Morgen.«
Jim, der Dämon in Gestalt eines Neufundländers, blickte von seiner Pariser Zeitung auf und musterte mich von Kopf bis Fuß.
»Wow. Ich hätte erwartet, dass du zumindest ein bisschen komisch gehst, bei all der Bumserei...«
»Jim!«, fuhr Aisling ihn an und ergriff eine Zeitschrift, um nach dem Dämon zu schlagen. Stattdessen jedoch stöhnte sie und griff sich an den Bauch. Sofort sprang Drake auf und kniete sich neben sie.
»Kincsem, ist alles in Ordnung?«
»Ja, es geht mir gut. Das war nur ein Stich.«
Gabriel, der hinter mir gestanden hatte, trat an Aislings andere Seite. Er legte ihr die Hand auf den Bauch. »Wie hat es sich angefühlt? Hast du heute früh schon einmal Schmerzen gehabt?«
Ein völlig irrationales Verlangen, ihn von ihr wegzuzerren, überfiel mich, aber ich nahm mich zusammen. Ich würde mich nicht von Eifersucht übermannen lassen.
»Hör auf, meine Gefährtin anzufassen!«, befahl Drake und blickte finster auf Gabriels Hand, die auf Aislings sehr schwangerem Bauch lag. Ich war da ganz auf Drakes Seite.
»Ich bin Heiler«, entgegnete Gabriel und hockte sich neben Aisling. Sanft drückte er auf ihrem Bauch herum. »Wenn sie Wehen hat, kann ich ihr bei den Schmerzen helfen.«
Ich trat zu ihm und schubste ihn sanft mit dem Knie an.
»Jungs, ich habe keine Wehen. Ich habe mich nur zu schnell bewegt, okay?«, sagte Aisling.
»Nimm deine Hände weg«, grollte Drake.
Jim zog scharf die Luft ein und setzte sich, um besser sehen zu können.
»Ich tu ihr nicht weh«, antwortete Gabriel und beugte sieh über ihren Bauch. »Ich versuche nur festzustellen, ob sie Wehen hat oder nicht. Aisling, ist der Schmerz scharf oder dumpf?«
Die Tür ging auf, und Gabriels Bodyguards, Tipene und Maata, traten ein. Hinter ihnen kam einer von Drakes Männern, ein stiernackiger, rothaariger Mann namens István. Er hatte Gabriels Frage gehört.
»Hat Aisling Schmerzen? Bekommt sie das Baby?«
»Ich sollte dich besser gründlich untersuchen«, sagte Gabriel und lächelte Aisling an. »Keine Sorge, Aisling, ich habe über die Jahrhunderte schon viele Drachen auf die Welt geholt. Meine Mutter ist eine ausgezeichnete Hebamme und hat mir alles beigebracht.« Er ergriff Aislings Hand.
Drake nahm ihre andere Hand. »Du wirst meine Gefährtin nicht weiter untersuchen! Die grünen Drachen haben ebenfalls eine hervorragende Hebamme, die sich um sie kümmert. Und jetzt lass sie in Ruhe, bevor ich dich aus dem Zimmer entfernen lasse!«
Meiner Meinung nach ging es Aisling gut. Sie verdrehte die Augen. Ich gebe ja zu, dass ich nicht besonders viel Erfahrung auf diesem Gebiet habe, aber für mich sah es nicht so aus, als ob sie Wehen hätte. Ich warf Gabriel einen strengen Blick zu, und es juckte mir in den Fingern, ihn von Aisling wegzureißen.
»Ich sage es dir ein letztes Mal - nimm deine Finger von ihr!«
Drakes Stimme wurde noch drohender.
»Gabriel, ich glaube, sie würde es wissen, wenn sie Wehen hätte«, sagte ich und stupste den Drachen meiner Träume ein bisschen kräftiger an.
»Lasst mich doch auch einmal etwas sagen«, warf Aisling ein und lächelte mich an. »Jungs, ich habe keine...«
István wandte sich zur Tür und brüllte: »Pál! Ruf die Hebamme! Aisling hat Wehen. Ich sage Nora und Rene Bescheid. Sie wollen doch dabei sein, oder? Soll ich schon mal Wasser kochen?«
Die letzte Frage war an Maata gerichtet, von der er als Frau offensichtlich erwartete, dass sie die Antwort wusste. Maata blickte ihn überrascht an. »Ginge es dir besser, wenn du Wasser kochen würdest?«, fragte sie.
István nickte heftig mit dem Kopf. »Das macht man doch so, oder nicht? Es ist doch wichtig, das Wasser zu kochen. Das habe ich in einem Film gesehen.«
»Dann koch in Gottes Namen Wasser«, erwiderte sie.
István nickte erneut, verkündete an niemand Besonderen gerichtet: »Ich koche Wasser!«, und eilte hinaus.
Pál, der zweite von Drakes rothaarigen Bodyguards, stieß mit István zusammen, als er mit dem Handy in der Hand ins Zimmer gestürzt kam. »Das Telefon der Hebamme ist besetzt!«, sagte er und hielt Drake das Handy hin.
»Oh Mann, wenn jetzt Fruchtwasser und Blut ins Spiel kommen, sollte ich mich wohl lieber aus dem Staub machen«, verkündete Jim. »Ich gehe zu Amelie, um Cecile zu besuchen. Ihr könnt mir ja Bescheid sagen, wenn alles vorbei ist.«
»Hallo, hört mir überhaupt jemand zu? Ich habe keine Wehen«, sagte Aisling.
»Was soll ich nur machen?«, fragte Pál Drake. »Ständig ist besetzt. Besetzt! Wie kann nur dauernd besetzt sein?«
Drake starrte finster das Handy an, und eine kleine Rauchwolke stieg aus seinen Nüstern auf. »Das ist nicht in Ordnung! Geh sie holen. Sie kann nichts Wichtigeres als das hier zu tun haben.«
Pál hielt sich gar nicht erst mit einer Antwort auf, sondern stürzte gleich zur Tür.
»Du liebe Güte! Ich habe keine Wehen! Und wenn es bei Drachen nicht so etwas wie schmerzlose Wehen gibt, dann bekomme ich jetzt auch kein Kind!«, sagte Aisling, aber niemand achtete auf sie. Maata fragte, ob Gabriel Hilfe brauchte, während Tipene anbot, den Hebammen-Telefondienst zu übernehmen.
Gabriel richtete sich auf und legte einen Arm um Aisling, offensichtlich, um sie aus dem Stuhl zu heben.
»Ich bringe dich jetzt nach oben in dein Zimmer und untersuche dich. Du könntest schon weiter sein, als du glaubst.«
»Gabriel!«, zischte Drake. Seine Augen waren nur noch grüne Schlitze. Ich hatte das Gefühl, er würde jeden Moment zuschlagen. Aisling blickte mich an. »Wie denkst du über Gewalt gegen Männer?«
Ich betrachtete die silberne Kaffeekanne, die auf dem Tisch stand. Sie war bestimmt schwer genug, um auch den dicksten Drachenschädel damit einzuschlagen. »Langsam erscheint mir die Idee reizvoll.«
»Ich stehe völlig unter... oh!« Aisling krümmte sich, als Gabriel einen Arm unter ihre Beine schob. Drake explodierte und stieß Gabriel gegen die Wand. Er knurrte wütend und drückte ihm mit dem Arm die Luft ab. Maata und Tipene sprangen ihm sofort zur Seite, aber auf eine Handbewegung Gabriels hin wichen sie zurück.
»Drake, lass ihn los. Es ist nur ein Muskelstich, mehr nicht«, sagte Aisling. »Bring sie auseinander, May. Tu Drake aber bitte nicht weh; ich mag ihn eigentlich ganz gerne, so wie er ist, so überfürsorglich und so.«
Ich tippte Drake höflich auf die Schulter. »Würdest du Gabriel bitte loslassen? Ich verspreche auch, dass ich ihm nicht mehr erlauben werde, Aisling noch mal die Hand zu halten oder ihren Bauch zu berühren.«
Drake musterte Gabriel einen Moment lang. Es wunderte mich ehrlich gesagt, dass Gabriel sich nicht wehrte. Ich hatte ihn schon erlebt, wie er auf Kostya, Drakes Bruder von den schwarzen Drachen, losgegangen war, und wusste, dass er sonst nicht so passiv war, wenn er angegriffen wurde. Aber er blieb ganz still, obwohl sein Gesicht aufgrund des Sauerstoff mangels schon hochrot angelaufen war.
»In Ordnung«, sagte Drake und ließ Gabriel los. »Aber ich mache dich verantwortlich für das, was er tut.«
Gabriels Augen blitzten, aber Aislings Lachen entspannte die Situation so weit, dass auch er einsah, wie lächerlich diese Reaktion war. Ich berührte eine leicht geschwollene Stelle an Gabriels Hals.
»Soll ich dir einen Kuss darauf geben, damit es nicht mehr wehtut?«
Er hatte Aisling angeschaut, aber bei meiner Frage nahm sein Klick einen interessierten Ausdruck an. »Nur wenn ich die Stellen aussuchen darf.«
»Ich bin so froh, dass Jim uns nicht hören kann. Er würde zweifellos wieder alle möglichen unpassenden Kommentare von sich geben. Dann müsste ich wieder mit einer zusammengerollten Zeitschrift nach ihm schlagen, Gabriel würde wieder meinen Hauch anfassen, Drake würde einen Anfall bekommen, und alles würde von vorne losgehen«, sagte Aisling und schenkte sich ein Glas Orangensaft ein. »Nehmt euch doch bitte Frühstück, ihr beiden. Ich will ja nicht anzüglich sein, aber ihr seht so aus, als könntet ihr etwas zu essen vertragen. Hast du May schon von dem sárkány erzählt?«
»Dem was?«, fragte ich, kurzfristig abgelenkt, weil Gabriel seine Finger über meinen Hals gleiten ließ.
»Sárkány. Das ist Ungarisch, nicht wahr, Süßer?«, fragte sie Drake.
» Sárkányok werden die ungarischen Drachen genannt. Ein sárkány ist der Tradition nach ein Drache in Gestalt eines vielköpfigen Riesen«, antwortete er.
Gabriel setzte sich ihm gegenüber. »So wird ein Weyr-Treffen genannt, auf dem über einen bestimmten Wyvern oder eine Sippe gesprochen wird.«
»Ah. Geht es um Kostya? Will er immer noch deine Sippe übernehmen?« Es hätte mich nicht überrascht zu hören, dass Kostya seinen Krieg gegen die silbernen Drachen immer noch fortsetzte. Seine Sippe war von ihrem eigenen Wyvern ausgelöscht worden bei dem tragischen Versuch, die silbernen Drachen - die damals noch schwarze Drachen waren, aber dessen ungeachtet schon lange autonom - wieder unter seine Herrschaft zurückzuholen. »Sag bloß nicht, dass er schon wieder versucht hat, das Phylakterium zu stehlen.«
»Nein, das Phylakterium ist in Sicherheit«, antwortete Drake. Stirnrunzelnd blickte er zu Gabriel. »Das stimmt doch, oder?«
»Ja«, antwortete Gabriel mit seiner samtigen Stimme. Drake musterte ihn. »Du hast es nicht zufällig bei dir?«
»Ich glaube nicht, dass ich das behauptet habe.« Gabriel machte eine nonchalante Geste und begann, Butter auf seinen Toast zu streichen.
»Wo ist es?«
»In Sicherheit. Spielt es eine Rolle, wo es ist? Hauptsache, Kostya findet es nicht.«
Drake kniff die Augen zusammen. »Es spielt deshalb eine Rolle, weil es das Lindwurm-Phylakterium ist. Es ist ein überaus weitvolles Stück des Drachenherzens. Um es angemessen zu behandeln...«
»Du brauchst mir hier keinen Vortrag zu halten, als wäre ich ein junger Drache, der seine Geschichtslektion lernen muss«, unterbrach Gabriel ihn stirnrunzelnd. »Ich mag noch nicht so lange Wyvern sein wie du, aber ich bin kein Narr. Ich würde das Phylakterium nie unangemessen behandeln... im Gegensatz zu manch anderen Drachen.«
Drake erhob sich langsam von seinem Stuhl. Ein wütendes Funkeln trat in seine Augen. »Willst du damit sagen, ich würde...«
Aislings Stimme trennte die beiden Streithähne. »Am Ende muss ich noch falsche Wehen vortäuschen, nur um euch beide wieder auf den Boden zurückzuholen.«
Drake warf ihr einen finsteren Blick zu. Sie blies ihm einen Luftkuss zu und winkte ihn wieder auf seinen Platz. Ich blickte Gabriel an. An seinem Kinn zuckte erneut der Muskel, aber er nahm sich zusammen, und es gelang ihm, ohne weiteren Zwischenfall seinen Toast mit Butter zu bestreichen.
»Ich dachte, ihr beide wärt Freunde«, sagte ich zu ihm. »Kennt ihr euch nicht schon seit Jahrhunderten?«
»Ja«, erwiderte Gabriel und nahm sich eine dicke Scheibe Schinken.
Drake schwieg und trank einen Schluck Espresso.
»Ja, sie sind eigentlich Freunde«, erklärte Aisling. »Nur eine Zeit lang waren die Verhältnisse ein wenig angespannt, als Gabriel... äh...«
»Als er versuchte, dich zu vergiften?«, fragte ich, weil ich davon gehört hatte.
»Ich habe sie nicht vergiftet. Ich habe ihr das Leben gerettet«, sagte Gabriel, ohne mich anzusehen. Ich hatte das schreckliche Gefühl, er spürte, wie eifersüchtig ich auf Aisling war, weil ich dachte, sie hätten vielleicht doch eine Beziehung miteinander gehabt. Seine Augen blitzten kurz silbern auf, bevor er wieder auf seinen Teller hinabblickte. Ich sah, dass er sich bemühte, seine Grübchen nicht zu zeigen. Die Ratte.
»Du hast sie gerettet, nachdem du uns verraten hast«, sagte Drake mit trügerisch sanfter Stimme.
»Die Hauptsache ist, dass alles vorbei ist. Alles vergeben und vergessen«, sagte Aisling laut und warf ihrem Wyvern einen vielsagenden Blick zu. »Wir sind alle Freunde, auch wenn ihr euch ab und zu die Stacheln zeigen müsst.«
»Warum hast du sie verraten?«, fragte ich Gabriel.
Ein schweres, unheilschwangeres Schweigen legte sich über den Raum. Gabriel musterte mich einen Moment lang, bevor er antwortete. »Fiat Blu, der Wyvern der blauen Drachen, benutzte Aisling zu einem Schlag gegen Drake. Ich habe versucht, ihn zur Vernunft zu bringen, aber Fiat ist immer schon...«
»Wahnsinnig gewesen«, warf Aisling ein.
»Eher unvernünftig«, meinte Drake.
»... schwierig gewesen«, beendete Gabriel seinen Satz. »Er wollte nicht auf mich hören, und ich war in einer misslichen Lage. Ich tat mein Bestes, um ihn von der Zerstörung, die er anrichten würde, abzuhalten, aber er war labiler, als ich dachte, und es gelang ihm, Aisling zu vergiften, bevor ich ihn daran hindern konnte.«
»Und was passierte mit dem unberechenbaren Fiat Blu?«, fragte ich. »Hast du mir nicht erzählt, es gäbe zwei blaue Wyvern?«
»Es kann nur einen wahren Wyvern geben«, antwortete er.
»Du hast wohl bei Drake Unterricht im Vermeiden von Antworten genommen«, warf Aisling ein. »Ich erzähle dir besser, was ich weiß, May. Denn diesen beiden Typen hier muss man eh alles aus der Nase ziehen.«
»Das ist mir auch schon aufgefallen«, murmelte ich.
Aisling warf ihrem Mann einen langen Blick zu, den er geflissentlich ignorierte. »Also, Fiats Onkel Bastian - der zwar hundert Jahre älter ist als Fiat, aber genauso aussieht wie er – war zum Wyvern geboren, aber irgendwie gelang es Fiat, jeden in der Sippe davon zu überzeugen, dass sein Onkel geisteskrank sei, und so wurde er selbst zum Wyvern.«
»Bastian versuchte mehrmals, Fiat vom Thron zu stoßen«, fuhr Gabriel fort, »aber es gelang ihm nicht. Siehst du, jetzt habe ich dir sogar Informationen geliefert, ohne dass du mich danach gefragt hast. Hörst du jetzt endlich auf, mich so böse anzuschauen, mein kleiner Vogel?«
Ich lächelte unwillkürlich. Er war einfach so charmant, wenn er mir seine Grübchen zeigte.
»Vor ein paar Monaten haben mein Onkel, mein Freund Rene, Jim und ich Bastian befreit, und er trat sofort seine Position als rechtmäßiger Wyvern der Sippe an. Allerdings ließ er Fiat entkommen, und jetzt ist die blaue Sippe zweigeteilt, weil einige Drachen Fiat gefolgt sind und andere Bastian unterstützen.«
»Ein Bürgerkrieg? Das klingt nicht gut«, sagte ich, wobei ich mich fragte, ob das wohl Auswirkungen auf die silbernen Drachen hatte. Gabriel hatte schließlich schon genug Probleme am Hals, ohne sich auch noch um die blauen Drachen kümmern zu müssen.
»Das hält uns Fiat vom Leib«, bemerkte Drake. Er stand auf, um Aisling aus ihrem Stuhl zu helfen.
Sie verzog spöttisch das Gesicht. »Fiat ist nicht besonders gut auf mich zu sprechen, weil ich ihn angeblich verraten habe. Aus seinem Mund klingt das geradezu grotesk. Ich setze aber auf Bastian. Er hat den richtigen Zeitpunkt abgewartet, und ich glaube, er wird ein großartiger Wyvern. Aber du kannst ihn dir ja selber ansehen, wenn wir auf dem sárkány sind, May. Danke, Süßer. Ich muss schnell noch den Raum für werdende Mütter aufsuchen, also besprecht nichts Wichtiges, bis ich wieder zurück bin.«
Gabriel wartete, bis Aisling den Raum verlassen hatte. Dann wandte er sich mit hochgezogenen Augenbrauen an Drake.
»Hast du ihr immer noch nicht gesagt, dass sie nicht zum sárkány mitkommt?«
»Nein.« Drake verzog das Gesicht. »Das wird sie nicht freuen, aber es ist viel zu gefährlich. Das muss sie einfach einsehen.«
Gabriel warf mir einen nachdenklichen Blick zu. »Mayling, wenn du an Aislings Stelle wärst, und ich würde dir verbieten, zu einem Treffen zu gehen, an dem du gerne teilnehmen möchtest, was würdest du tun?«
»Ich bin eine Schattengängerin. Ich würde einfach in die Schattenwelt schlüpfen und trotzdem hingehen. Aber an Aislings Stelle würde ich dir den Schädel einschlagen und zu dem Treffen gehen.«
Drake schnaubte. »So brutal ist Aisling nicht. Das würde sie niemals tun.« Einen Moment lang betrachtete er die kleine Steinbüste einer Frau, die auf einem Sockel stand. Rasch ergriff er sie und stellte sie in eins der Sideboards. Gabriel begann laut zu lachen.
»Du hast deine Lektion gelernt, glaube ich.«
»Ich ergreife nur Vorsichtsmaßnahmen.« Er zögerte erneut, dann nahm er alle Messer vom Tisch und legte sie unauffällig zur Seite, als Aisling wieder ins Zimmer kam.
»Was habe ich verpasst?«, fragte sie, weil Gabriel in schallendes Gelächter ausbrach. »Einen guten Witz? Ich liebe Witze! War es der mit dem Dämon und der Nonne? Auf den steht Jim ganz besonders.«
Ich wartete, bis Drake ihr wieder in ihren Stuhl geholfen hatte, dann wandte ich mich an Gabriel, der sich mit einem Tuch die Augen trocken wischte. »Wer wird denn auf dem Treffen sein Fiat oder Bastian?«
»Wahrscheinlich beide. Bastian hat das sárkány einberufen, weil er über Fiat sprechen will. Der wird wahrscheinlich ebenfalls erscheinen und erklären, dass er der blaue Wyvern ist und deshalb das Recht hat, dort zu erscheinen.«
»Ich verstehe. Wird Kostya auch anwesend sein?«
»Möglich«, sagte Gabriel, »allerdings muss er beim Weyr erst noch einen Antrag auf Anerkennung stellen.«
Ich wartete, aber da er weiter nichts sagte, fragte ich mich, was wohl zwischen ihm und Kostya vorgefallen sein mochte, während ich in Abbadon war. Wahrscheinlich wollte er nur nicht vor Drake darüber sprechen. Drake hatte seinem Bruder zwar nie besonders nahegestanden, aber Blutsbande waren schwer zu durchbrechen. Und die andere Drachensippe? Die roten Drachen?«
»Bist du fertig?«, fragte Gabriel. Ich nickte und schob meinen Teller weg. »Es gibt viel zu tun vor dem Treffen heute Nachmittag. Die roten Drachen schicken wahrscheinlich einen Vertreter aber wir wissen nicht, wer das sein wird. Das Schicksal des Wyvern Chuan Ren ist ungewiss, seit Aisling sie nach Abbadon geschickt hat.«
»Ach, dabei fällt mir ein, dass ich dich fragen wollte, ob du etwas von Chuan Ren gehört hast, als du bei Magoth warst«, sagte Aisling zu mir. »Ich habe keine Ahnung, wo sie letztendlich hingekommen ist. Vielleicht ist sie ja auch schon längst nicht mehr in Abbadon. Niemand hat mehr etwas von ihr gehört, auch die roten Drachen nicht.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe nichts von einem Drachen gehört, der in Abbadon gefangen gehalten wird.«
»Mist«, sagte Aisling und blickte ihren Mann an. »Meinst du, sie könnte tot sein?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Drake nachdenklich. »Sie ist zwar noch nicht aus Abbadon zurückgekehrt, aber es hat auch noch niemand Anspruch auf ihre Position erhoben. Sie hat die roten Drachen mehr als ein Jahrtausend lang regiert und hat sicher dafür gesorgt, dass jeder mögliche Konkurrent beizeiten eliminiert wurde.«
»Wir können gespannt sein, wer auf dem sárkány auftaucht«, stimmte Gabriel ihm zu. Er erhob sich und hielt mir seine Hand hin. »Wir sehen uns dort. Aber vorher habe ich May versprochen, mit ihr einkaufen zu gehen.«
Lächelnd bedankte ich mich erneut bei Aisling, dass sie mir etwas zum Anziehen geliehen hatte.
»Oh, kein Problem, mir passt im Moment sowieso nichts«, sagte sie und zupfte an ihrem übergroßen T-Shirt. »Bis gleich auf dem sárkány. Ich freue mich, dass außer mir noch eine Gefährtin dabei ist.«
»Ah... apropos«, sagte Drake langsam, als wir hinausgingen.
Gabriel blieb stehen und wies mit dem Kinn auf die Porzellanvase am anderen Ende des Raums. »Vielleicht solltest du sie erst wegräumen, bevor du es ihr sagst«, meinte er mit einem schelmischen Grinsen. »Sie sieht wertvoll aus.«
»Bevor du mir was sagst?«, fragte Aisling. Gabriel schloss leise die Tür hinter uns und führte mich durch die Eingangshalle. Wir waren noch nicht an der Eingangstür angelangt, als laute Stimmen ertönten. Dann krachte Porzellan auf eine harte Oberfläche.
»Ich habe ihn gewarnt«, sagte Gabriel kopfschüttelnd.
»Du bist Heiler«, sagte ich, als er mich durch die Tür in den Pariser Sonnenschein hinauszog. »Willst du nicht nachsehen, ob mit Drake alles in Ordnung ist?«
»Kein Schatz der Welt könnte mich dazu bringen, mich in diesem Moment mit Aisling im selben Raum aufzuhalten«, antwortete er. Er küsste mich auf die Nasenspitze und ging die Treppe hinunter. Auf der Straße wartete Tipene, gegen ein Auto gelehnt. Ich folgte Gabriel und fragte mich, womit Aisling sich solchen Respekt verdient hatte... und ob mir das eines Tages wohl auch gelingen würde.